Sich von anderen im Internet abheben

Seit zehn Jahren ist der Espressoladen in Neheim mit einem eigenen Shopsystem online. Für Inhaber Bernd Becker eine wichtige Ergänzung zum stationären Geschäft. Der Gang ins Netz, sagt der Unternehmer, funktioniere aber nur, wenn man eine gewisse Portion Mut mitbringe und sich von anderen im Internet abhebe.

Direkt neben dem Dom in Neheim liegt das Geschäft, das Bernd Becker dort seit 2003 betreibt und in dem er „alles rund um den Kaffeegenuss“ verkauft, wie der 47-Jährige beschreibt. Dazu gehören Siebträgergeräte, Espressokocher und Kaffeevollautomaten, Kaffeespezialitäten, Aromen und Süßwaren ebenso wie Großautomaten für Geschäftskunden. „Unsere Spezialisierung liegt in der eigenen Werkstatt und in der individuellen Kundenberatung.

Wir bieten maßgeschneiderte Kaffee-Lösungen“, sagt Bernd Becker, der sowohl ausgebildeter Kaufmann im Großund Außenhandel als auch Elektrotechnikmeister ist.

 

Bernd Becker vom Espressoladen in Neheim beteiligt sich aktiv am Einzelhandelslabor Südwestfalen

Sich vom Online-Preisdruck nicht beherrschen lassen

Zu seinem eigenen Geschäft kam Becker Ende der 1990er-Jahre durch „Leidenschaft und Zufall“, wie er sagt. Nachdem er in der ersten Zeit seine Ware aus dem Auto heraus verkauft hat, folgte 2001 das erste stationäre Geschäft in der Apothekerstraße bevor er 2003 in die Möhnestraße umzog. Inzwischen kommen Kunden aus dem Sauerland, dem Kreis Soest aber auch aus dem Raum Hamm zu ihm in den Espressoladen. Und die, sagt er, habe er durch die Konkurrenz aus dem Internet auch nicht verloren. „Zu uns kommen nicht weniger Kunden, seitdem der Onlinehandel so stark geworden ist.“ Trotzdem sei er vor gut zehn Jahren diesen Weg mitgegangen und habe einen eigenen Onlineshop realisiert. Allerdings ohne sich dem Preisdruck zu beugen: „Wir haben die günstigen Preise, die es online gibt, nicht mitgemacht“, sagt der Geschäftsinhaber.

Seiner Meinung nach kann der eigene Internetshop nur dann erfolgreich sein, wenn dort entweder Waren oder Dienstleistungen angeboten werden, mit denen man sich von den Mitbewerbern von vornherein abhebt, oder wenn es gelingt, Produkte zu individualisieren.

Digitalisierung benötigt Geld, Zeit und Know-how

Doch Bernd Becker sagt auch: Wer digitale Strategien bis hin zu einem eigenen Onlineshop realisieren will, braucht mehr – und zwar Zeit und Geld. „Wir haben für unsere Seite und die Anbindung an ERP richtig Geld in die Hand genommen und ein System aufgebaut, das automatisiert arbeitet, damit es möglichst wenig personelle Kapazitäten bindet.“ Und das habe seinen Preis.

Und mehr noch: Die wirklich große Herausforderung sieht Bernd Becker bei der Digitalisierung darin, als stationärer Händler Zugang zu dem richtigen Know-how zu finden. Das betreffe technische Aspekte ebenso wie rechtliche, sagt er mit Blick auf Impressumspflicht, Daten- und Käuferschutz oder Grundpreisverordnung – insbesondere in Zeiten des „Abmahnwahns“. Aus seiner Sicht macht es der Gesetzgeber stationären Händlern unnötig schwer, online zu agieren und sich dort zu behaupten. „Und besonders kleine und mittlere Betriebe haben es dadurch schwer, weil sie immer mehr Manpower aufwenden müssen, um gesetzlichen Vorgaben gerecht zu werden“, ärgert sich der 47-Jährige und fordert Entlastung in dieser Hinsicht.

Neues zu wagen bedeutet nicht, Bewährtes aufzugeben

Umso wichtiger sei es für stationäre Händler, sich fit zu machen und in allen technischen und rechtlichen Fragen am Ball zu bleiben. Das Einzelhandelslabor Südwestfalen sieht Bernd Becker dafür als gute Plattform, an deren Workshop und Veranstaltungsangeboten er auch selbst teilnimmt, zum Beispiel zu den Themen Marketing, Sichtbarkeit im Netz oder Google AdWords: „Gerade der Google-AdWords-Kurs gab direkte Handlungsvorschläge, die man sehr gut umsetzen konnte.“ Er erlebe bei den verschiedenen Veranstaltungen des Einzelhandelslabors Teilnehmer, die optimistisch sind und den Mut haben, etwas Neues zu wagen.

Und Neues zu wagen bedeutet nicht, Bewährtes aufzugeben: Für Bernd Becker ist das stationäre Geschäft das wichtigste Standbein. Und das möchte er weiter ausbauen. Deshalb wird er zusammen mit seinen drei Mitarbeitern im Sommer in Neheim in ein anderes Ladenlokal umziehen: „Dort werden wir auf rund 130 Quadratmetern mehr Platz zur Verfügung haben, um unseren Business to Business- Bereich auszubauen“, sagt er. Und auch personell will er aufstocken und sucht für das kommende Jahr einen Auszubildenden zur/zum Kauffrau/-mann im Einzelhandel. Darüber hinaus wird er aber auch ins Onlinegeschäft investieren. Konkret geplant sind der Relaunch des Shopsystems und die weitere Automatisierung des Marketings.

„Es bleibt eine spannende Zeit, für die man viel Mut braucht“, sagt Bernd Becker. „Und wer weiß, wie das Konsumverhalten inder Gesellschaft in zehn Jahren aussehen wird?“

Quelle: Magazin „Wirtschaft“ der IHK Arnsberg, Ausgabe April 2018